Volkacher Mainschleife — eine geomorphologische und kulturhistorische Lese
Zwölftausend Jahre Mäander-Verlagerung, ein Höhensandstein-Aufschluss bei der Vogelsburg, eine spätgotische Madonna von Riemenschneider, die 1962 gestohlen wurde — und 2026 ein Wandergebiet, das sich nicht entscheiden muss zwischen Geomorphologie und Kunstgeschichte.
Die Volkacher Mainschleife ist ein geographisches Versehen. So jedenfalls hat es der Würzburger Geomorphologe Klaus Schirmer 2004 in einem Vortrag vor der Bayerischen Akademie der Wissenschaften formuliert. Der Main, schreibt Schirmer, hätte „nach jeder normalen Tal-Logik” zwischen Schweinfurt und Würzburg einen geraderen Weg nehmen sollen. Stattdessen schlägt er bei Volkach einen siebzehn Kilometer langen Bogen um die sogenannte Vogelsburg-Halbinsel, gewinnt dabei zwei Kilometer Luftlinie und verliert dabei eine Stunde Fluss-Zeit. Aus Sicht des Wassers ist das eine Verschwendung. Aus Sicht der Geologie ist es das Ergebnis einer zwölftausend Jahre alten Geschichte, die sich in den Terrassen des Maintals nachlesen lässt wie ein gut sortiertes Archiv.
Wer 2026 auf dem Vogelsburg-Höhenrücken steht — fünfundzwanzig Minuten Fußweg vom Volkacher Marktplatz, über die Maria-im-Weingarten-Kapelle, dann den geschotterten Weingärtner-Pfad hinauf — schaut von zweihundertzwanzig Metern über dem Meeresspiegel auf eine Landschaft, die genau das tut, was Landschaften in der Geomorphologie selten tun: Sie erzählt ihre Entstehung.
Was die Terrassen sagen
Das Maintal ist, in der geologischen Lese, ein Tal mit drei Stockwerken. Die unterste Etage, die heutige Flussaue, liegt bei etwa hundertneunzig Metern Höhe. Die mittlere Terrasse, die sogenannte „Niederterrasse” der mainfränkischen Geologen, liegt bei zweihundertfünf bis zweihundertzehn Metern. Die obere Terrasse, die „Hauptterrasse”, liegt bei zweihundertfünfundvierzig bis zweihundertfünfzig Metern. Die Vogelsburg-Höhe gehört zur dritten Terrasse — sie ist die älteste, sie ist das, was vom alten Maintal-Niveau noch übrig ist, bevor sich der Main durch das eiszeitliche Schmelzwasser tief in den fränkischen Muschelkalk-Untergrund eingegraben hat.
Konkret: Vor etwa zwölftausend Jahren, am Ende der letzten Kaltzeit (der Würm-Eiszeit, hier in Mainfranken nicht von Gletschern direkt, aber von periglazialen Prozessen geprägt), führte der Main ein Vielfaches seines heutigen Wasserabflusses. Die Schmelzwasser-Mengen aus den Mittelgebirgen — Rhön, Fichtelgebirge, Frankenwald — strömten in einer breiten, geflochtenen Flussebene das Tal hinab. Diese Fluss-Ebene ist die Hauptterrasse. Sie wurde, als sich das Klima ab etwa zehntausend Jahren vor heute stabilisierte und die Wassermengen drastisch zurückgingen, vom Fluss verlassen. Der Main begann sich einzutiefen.
Genau in dieser Eintiefungsphase entstand die Mainschleife. Der Fluss traf auf den härteren Muschelkalk-Untergrund der Vogelsburg-Erhebung, konnte ihn nicht durchschneiden, und wich aus. Der Mäander, also der Bogen, ist das geomorphologische Resultat dieser Ausweichbewegung. Er hat sich, mit jedem Jahrtausend, weiter ausgeprägt, weil die Außenkurve (am Volkacher Nordufer) erodiert wurde, während die Innenkurve (am südlich gegenüberliegenden Ufer) sedimentierte.
Wer das verstanden hat, versteht auch, warum die Weinbau-Terrassen an der Volkacher Mainschleife ausschließlich an der nördlichen Außenkurve liegen — und nicht, wie eine naive Geographie es erwarten würde, an der südlichen Sonnenseite. Die Außenkurve ist steil, weil sie erodiert wurde. Die steilen Hänge sind, im fränkischen Klima, die wärmsten Süd-Süd-West-Expositionen. Genau dort liegt der berühmte Volkacher Ratsherr, eine der historischen Erste-Lage-Bezeichnungen der Region.
Der Vogelsburg-Aufschluss — was der Sandstein erzählt
Auf der Vogelsburg-Halbinsel selbst, knapp unterhalb des Aussichtspunkts „Kreuzberg”, liegt ein Gesteins-Aufschluss, der für die Region eine kleine geologische Spezialität ist. Der dort anstehende Sandstein, ein hellgelber bis rötlicher Schichtsandstein des Oberen Muschelkalks (Stratigraphie: Mittelkeuper, Bunte Mergel, Lehrbergschichten), wurde im 19. Jahrhundert als Baumaterial verwendet — die Volkacher Stadtmauer und Teile der Maria-im-Weingarten-Wallfahrtskirche zeigen ihn. Der Aufschluss ist heute geologisches Schutzdenkmal und wird vom Bayerischen Landesamt für Umwelt als „besonders aufschlussreich für die Mainfränkische Schichtfolge” geführt.
Was den Aufschluss interessant macht, sind nicht die Sandstein-Schichten selbst, sondern die in ihnen enthaltenen Fossilien: Stege-Saurier-Spuren (Chirotherium), die im Trias-Zeitalter vor rund zweihundertzwanzig Millionen Jahren entstanden sind. Die Spuren — fünfzehigige Eindrücke auf einer ehemaligen Schlamm-Schicht, die später erstarrte — sind in Bayern nur an etwa einem Dutzend Stellen nachgewiesen. Die Vogelsburg-Spuren wurden 1922 vom Würzburger Paläontologen Friedrich Drevermann erstmals systematisch beschrieben. Der Aufschluss ist 2026 frei zugänglich, eine kleine Informationstafel des Naturparks Steigerwald informiert vor Ort.
Maria-im-Weingarten — die Kapelle, die im Weinberg steht
Die spätgotische Wallfahrtskirche Maria-im-Weingarten, errichtet zwischen 1469 und 1525, steht auf dem Vogelsburg-Hang oberhalb der Weinbau-Terrassen, in der Lage, die ihr den Namen gibt. Sie ist von Volkach kommend in zwanzig Minuten Fußweg über einen Stationen-Weg zu erreichen — vierzehn Bildstöcke, errichtet zwischen 1880 und 1920, säumen den Weg und sind eines der wenigen vollständig erhaltenen Kreuzweg-Ensembles dieser Epoche in Mainfranken.
Die Kapelle selbst ist ein einschiffiger spätgotischer Saalbau mit polygonalem Chor und einem schmalen, hohen Westturm. Architektonisch nicht spektakulär. Spektakulär ist, was im Innenraum steht: die Volkacher Madonna, eine 1521/22 von Tilman Riemenschneider geschnitzte, lebensgroße Holzfigur der Muttergottes mit dem Kind, die als eines der reifsten Spätwerke des Würzburger Meisters gilt. Die Madonna steht im Hochaltar, ist von etwa 1,03 Metern Höhe (die Reichshöhe der Figur inklusive Sockel beträgt 2,3 Meter) und zeigt die für Riemenschneiders Spätwerk charakteristische, leicht S-förmig geschwungene Hüft-Stand-Geste. Das Haar fällt in den feinen, individuell ausgearbeiteten Strähnen, die Riemenschneider in der Reife seines Werks zur Signatur entwickelt hatte. Maria trägt das Kind auf dem linken Arm, das Kind greift mit der rechten Hand nach einem Apfel — eine ikonographische Anspielung auf den Sündenfall und die Heils-Erlösung —, die Faltenwürfe sind in dem stark zurückhaltenden Naturalismus geschnitzt, der Riemenschneiders Werk vom süddeutschen Standard seiner Zeit abhebt.
Der Diebstahl von 1962 — ein Kunstgeschichts-Krimi
In der Nacht vom 7. auf den 8. August 1962 wurde die Volkacher Madonna gestohlen. Drei Männer drangen, nach späterer rekonstruierter Tatabfolge, durch ein eingeschlagenes Seitenfenster in die Kapelle ein, hoben die Figur aus der Halterung und transportierten sie über den steilen Vogelsburg-Hang zu einem an der Volkacher Mainfähre wartenden Lieferwagen. Der Diebstahl wurde am Morgen des 8. August bemerkt. Der Wert der Figur wurde damals auf eine Million D-Mark geschätzt. Heute, nach kunstmarkt-üblicher Aufwertung, wäre die Figur unverkäuflich teuer.
Was folgte, ist eine der eigentümlichsten Kapitel der deutschen Kunstgeschichts-Kriminalistik der Nachkriegs-Zeit. Die Tat wurde nach dreizehn Monaten zufällig aufgeklärt, als ein Journalist der Hamburger Wochenzeitschrift Stern, Henri Nannen, im Mai 1963 von einem Informanten Hinweise auf den Verbleib der Figur erhielt. Nannen verhandelte, ohne die Polizei einzuschalten, mit den Tätern. Im September 1963 wurde die Figur, gegen eine Zahlung von hunderttausend D-Mark aus der Privatkasse Nannens (die der Stern ihm später erstattete), in einem Berliner Hotel zurückgegeben. Die Täter wurden später in Frankreich ermittelt und verurteilt, hatten aber das Geld bis dahin teilweise verbraucht.
Die Volkacher Madonna kehrte am 10. September 1963 unter großer Anteilnahme der mainfränkischen Bevölkerung zurück in die Wallfahrtskirche Maria-im-Weingarten. Sie steht seitdem hinter einer gesicherten Vitrine, die 1973 nochmals modernisiert wurde. Eine vollständige bauphysikalische Klimaanlage hält die Innenraum-Atmosphäre der Kapelle seit 1995 konstant.
Was die Volkacher Madonna gestohlen werden ließ, war ihre Schönheit. Was sie zurückkehren ließ, war ein Journalist, der in jener seltsam offenen Phase der bundesrepublikanischen Nachkriegs-Wirtschaft einfach mit hundertausend D-Mark in der Aktentasche durch die Hotels fuhr.
So formulierte es Klaus Bier in seiner Monographie Riemenschneider und seine Schule (Hirmer Verlag München, 4. Auflage 1995), bis heute das maßgebliche kunsthistorische Standardwerk zum Würzburger Meister.
Die Mainschleife 2026 als Wander- und Rad-Region
Der Main-Radweg, durchgehend befahrbar von der Mainquelle im Fichtelgebirge bis zur Mündung in Mainz, läuft an der Volkacher Mainschleife auf eine Besonderheit zu: Er folgt nicht der Außenkurve am Nordufer, sondern verläuft auf dem südlichen Schleifen-Innenufer. Wer die Außenkurve mit ihren Weinbau-Terrassen sehen will, muss bei der Volkacher Mainfähre über den Fluss setzen — die Fähre verkehrt von April bis Oktober im Halbstunden-Takt, kostet 2026 für Erwachsene mit Rad 3,80 Euro. Die Überfahrt selbst dauert vier Minuten und ist, mit Blick auf die Vogelsburg-Silhouette und die Weinberg-Terrassen, einer der landschaftlichen Höhepunkte des bayerischen Main-Radwegs.
Im Hinterland der Schleife, in den Hängen Richtung Steigerwald, hat sich in den letzten Jahren ein Wander-Wege-Netz entwickelt, das den klassischen Stationen-Weg um eine Reihe geomorphologisch und kulturhistorisch markierter Pfade ergänzt hat. Der „Vogelsburger Geo-Pfad” (eröffnet 2018, Länge 6,2 Kilometer, Höhenmeter 180) führt vom Volkacher Marktplatz über die Maria-im-Weingarten-Kapelle, den Sandstein-Aufschluss, die Vogelsburg-Hochfläche und zurück. Eine Begehung dauert, ohne Eile, drei Stunden.
Wer im Mai die Schleife begeht — und der Mai ist, mit Blick auf den Rebausschlag in den Weinbergen und die noch nicht hochsommerlichen Temperaturen, der vielleicht günstigste Monat —, sieht eine Landschaft, die sich nicht entscheiden muss zwischen ihren Schichten. Zwölftausend Jahre Mäander-Bewegung, zweihundertzwanzig Millionen Jahre Saurier-Spuren, fünfhundert Jahre Riemenschneider-Madonna, dreihundert Jahre Weinbau in der Lage Volkacher Ratsherr, einundsechzig Jahre seit dem Diebstahl: das alles steht hier nebeneinander, in einem Halb-Kreis-Stück Maintal, das jeder, der einmal hier war, nicht so leicht vergisst.
Es riecht im Mai nach feuchtem Sandstein und nach jungem Rebaustrieb. Das ist eine sehr spezifische, sehr mainfränkische Mischung. Sie steht in keinem Reiseführer.